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Fahrt nach Halle (Saale) zum 40. Jahrestag (erstellt / geändert am 13.04.2019)

Fahrt nach Halle (Saale) zum 40. Jahrestag der Glatteisfahrt am 8. Dezember 1978

Der 8. Dezember 1978 ist der Tag geblieben, der sich fest in meinem Gedächtnis festgesetzt hat.Mit einer Delegation aus Mitgliedern des Rates der Stadt Wolfsburg und den Fachangestellten in der Verwaltung fuhr ich nach Halle an der Saale, um dort das Planetarium zu besichtigen. Außerdem wollten wir uns über die Technik des Vorführgerätes informieren. Hintergrund zu dieser Informationsreise war die Annahme eines Geschenkes der Volkswagen AG an die Stadt Wolfsburg aus Anlass des 40. Stadtgründungstages am 1.Juli 1978. Volkswagen hatte in der Zeit 10000 Fahrzeuge vom Typ Golf in die DDR geliefert und im Gegenzug dafür unter anderem das Vorführgerät für ein Planetarium bekommen. Die Stadt sollte sich aber selbst darum kümmern, ein angemessenes Gebäude zu errichten. Schließlich wurden der Oberbürgermeister und der Oberstadtdirektor als Chef der Verwaltung vom Rat beauftragt, mit VW über eine Kostenübernahme für das Gebäude zu verhandeln. Diese Verhandlungen brachten den Erfolg, dass VW sich an den Baukosten beteiligte. Wir waren nun unterwegs, etwa 40 Personen, die als eine Art Staatsgäste der DDR ohne besondere Formalitäten und insbesondere ohne die Verpflichtung zum Geldumtausch nach Halle reisen durften. Die Besichtigung erfolgte zur großen Zufriedenheit aller, wir wurden auch beköstigt und machten uns am Nachmittag gegen 16 Uhr auf den Weg zurück nach Wolfsburg. Erst nach der Wiedervereinigung Deutschlands 1990 wurde mit dem Bau der Autobahn begonnen, die von der damaligen Transitstrecke bei Magdeburg über Halle (Saale) nach Leipzig und weiter nach Dresden führt. Unser Bus war deshalb wie schon auf der Hinfahrt auf der Landstraße unterwegs und erreichte bald Bernburg, wo es nach tagelangem Frost und plötzlich einsetzendem Regen spiegelglatt geworden war. Der Bus kam ins Rutschen und kurz vor einer Hauswand zum Stehen, Es ging weiter, der Fahrer war gewarnt, dass es gefährlich werden könnte. Einige Kilometer vor Magdeburg rutschte der Bus von der rechten Fahrspur auf die linke, wo glücklicherweise kein Gegenverkehr herrschte und blieb in Fahrtrichtung dicht an einem Straßengraben stehen. In der Nähe muss wohl ein kleiner Ort gewesen sein, denn wir entdeckten schnell eine Kneipe, in der wir uns versammelten. Das Bier floss in Strömen, der Wirt machte großen Umsatz und kassierte natürlich von uns das Westgeld. Außer uns waren nur DDR-Bürger anwesend, die von manchem von uns zu den Getränken eingeladen wurden. Die Zeit verstrich, der Bus war wieder fahrbereit, und es ging weiter bis zur Überführung der Straße über die Autobahn. Dort kam der Bus wieder in Rutschen und blieb dicht an einem steilen Abgrund stehen. Es dauerte nicht lange, bis Angehörige der Volkspolizei (VOPO) zur Stelle waren und den Ort absicherten. Wir mussten den Bus durch die hintere Tür verlassen, damit vorne kein Übergewicht entstehen konnte, was den Bus vielleicht noch zum Absturz gebracht hätte. Die VOPOs forderten uns auf, den Platz zu räumen und irgendwie zur Raststätte Magdeburger Börde zu gelangen. Per Anhalter zu reisen war an sich verboten, aber in der Situation die einzige Möglichkeit, von dort wegzukommen. Fahrzeuge, die von Berlin kamen, hielten an und nahmen uns mit, nachdem wir den Fahrern die Umstände geschildert hatten. An der Magdeburger Börde war es inzwischen Mitternacht geworden, und wir mussten das Personal beinahe nötigen, uns etwas zum Essen und zum Trinken zu bringen. Es wurde schließlich etwa vier Uhr, als der Bus an der Raststätte ankam und uns zur Weiterfahrt aufnahm. Kaum viel schneller als mit Schrittgeschwindigkeit ging es in Richtung Grenzübergang Helmstedt-Marienborn, wo wir wieder ohne besondere Kontrolle weiterfahren konnten. Der Bus erreichte den Rathausparkplatz in Wolfsburg am Samstagmittag gegen 12 Uhr, damit waren wir rund 20 Stunden von Halle unterwegs gewesen.
Die Fahrt im Dezember 2018 nach Halle fand am 40. Jahrestag jener denkwürdigen Tour statt. Da ich mit der Bahn unterwegs war, konnte ich die Straßen natürlich nicht besuchen, über die wir damals gefahren sind. Nach ersten Recherchen wusste ich, dass das Planetarium dort nicht mehr existiert. Es ist mir im Touristenbüro am Marktplatz der Stadt erläutert worden, unter welchen Umständen das damalige Reiseziel zu Schaden gekommen ist. Durch die Flutkatastrophe 2013, die das Wasser der Saale bis zum Marktplatz im Stadtzentrum hat steigen lassen, wurde das Gerät stark beschädigt, das im Boden des Gebäudes abgesenkt war. Auch das Bauwerk selbst ist in Mitleidenschaft gezogen worden. Den Erklärungen zufolge hat es in der Folge auf der politischen Ebene der Stadt heftige Diskussionen gegeben, ob das Objekt nicht doch gerettet werden könne oder es als Baudenkmal der typischen DDR-Bauweise gesichert werden sollte. Es wurde schließlich entschieden, es abzureißen und in einem Gasometer an anderer Stelle ein neues Planetarium zu bauen. Wenn ich die beiden Orte noch besichtigen wollte, könnte ich dort nichts Brauchbares erkennen. Deshalb habe ich auch darauf verzichtet und mich über den Tag hinweg in der Innenstadt auf dem Weihnachtsmarkt und an Uferabschnitten der Saale aufgehalten. Die Reise hätte ich mir sicher sparen können, aber ich war nun doch zum Jahrestag wieder in der Stadt. Sicher waren alle Teilnehmer der Fahrt vor 40 Jahren froh, ohne Schaden wieder Wolfsburg erreicht zu haben. In den darauffolgenden Tagen und Wochen waren die Erlebnisse Gesprächsthema zwischen den Mitfahrern und anderen, die davon gehört oder gelesen hatte.

Autor: Bernhard Dinges aus Wolfsburg

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